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Veröffentlicht am 13.03.2016 von nemesis

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Interview Lenny Wolf/ Kingdom Come

Kingdom Come – ein Talk zur Platte, die aus dem Rahmen fiel

So mancher beäugte die deutschsprachige Platte von Kingdom Come-Kopf und –Sänger seinerzeit Lenny Wolf doch ein wenig skeptisch. Nun, manchmal will man eben gar nicht verstehen, wovon Künstler singen, und so haben es Songs samt Deutscher Texte doch ab und an bei einigen Leutchen ein bisschen schwerer. Einige Versionen, die auf Lenny Wolfs Solo-Ausflug zu hören waren, finden sich auch auf der folgenden Kingdom Come-Scheibe Too wieder. Und ganz ehrlich: Der „Joe“ gefällt mir deutsch einfach trotzdem einen ganze Zacken besser.

„Sowohl damals als auch bei der darauf folgenden Platte habe ich mit wesentlich mehr Tomaten gerechnet. Aber die Reaktionen lagen von dumm-dämlich bis sehr gut. Alles in allem recht lauschig“, erklärt Lenny. Eigentlich ist es fast schon schade, dass ihr dieses Interview lesen müsst und es euch nicht in akustischer Form gegen könnt, denn die Kommentare, die der Gute so ablässt, sind nicht von schlechten Eltern. Auf die angesprochene leicht wehmütige Stimmung der Platte kommt eine eher überraschende Antwort:

Ein lebensbejahender Flummi ohne Nasenringe

„Ich bin ein positiv denkender, lebensbejahender Flummi. Too‘ist einfach ein wenig relaxter geworden, keine Hauruck-Platte. Und ein bisschen Melancholie steckt doch in jedem. Ich habe mich noch nie damit befasst, wie meine Material auf andere wirkt. Ich schreibe weder für den Radio, noch für meine Omi oder die Presse Songs. Das passiert ganz allein für mich. Auf gute Resonanzen hofft deswegen natürlich auch. Man kann Kingdom Come auf jeden Fall nicht vorwerfen, dass wir uns irgendwann angeglichen hätten. Auch wenn To‘ ein klein wenig anders ist als die anderen Scheiben geworden, ist es doch immer noch unsere Schiene.

Hätten wir auf irgendeinen Trendzug aufspringen wollen, hätten wir das schon vor sechs Jahren machen müssen – samt fünf Ringe durch die Nase.“ Einige werden es wissen, andere vielleicht nicht: Gerade in der Anfangszeit der Band, wurden Lenny und seine Jungs haufenweise mit Led Zeppelin-Vergleichen überschüttet. An sich ein nettes Kompliment, aber irgendwann geht es einem eben auf den Geist.

Ich finde es schlimm, wenn sich Leute, die keine Ahnung von der Materie haben, an einem einzigen Vergleich fest beißen

„Ich finde es schlimm, wenn sich Leute, die keine Ahnung von der Materie haben, an einem einzigen Vergleich fest beißen. Es ist sagenhaft, dass Menschen über Musik urteilen, die selbst nicht einmal einen einzigen Akkord spielen können. Warum schnappen sich diejenigen dann nicht ein Instrument und machen es besser, wenn sie schon alles Mögliche verreißen? Wer der Meinung ist, besser zu sein, soll doch bitte eine LP aufnehmen“, wettert Lenny ein bisschen drauflos. Klar kann man es nie allen recht machen. Ich möchte das verwirklichen und verpacken, was Herz und Hirn hat. Das ist genauso wie mit Musikproduktion: Wenn es zusammenstimmt, passt es eben.“

Eine Frage dessen, womit man aufgewachsen ist

Auch wenn der Sänger und Songwriter mittlerweile die Meinungen anderer nicht mehr so nah an sich heranlässt, gab es doch auch Zeiten, wo ihn die Journis anscheinend schon auf die Palme bringen konnten. „Ich lasse das alles nicht mehr so stark an mich heran wie es etwa vor zehn Jahren noch der Fall war.“ Und um noch einmal auf die Vergleiche mit LZ zurückzukommen: „Man soll mir doch bitte einen einzigen Musiker zeigen, der nicht als kleiner pubertierender Pickel von seinem Faves beeinflusst wurde. Ich ess` gerne Knackwurst, andere Bananen… die Einflüsse eines Musikers kommen immer irgendwann einmal hoch. Und welche das sind, ist nun mal eine Frage der Kultur, mit der man aufgewachsen ist und konfrontiert wurde.

Ich kann gut verstanden, dass ein Zombie-Metal-Heinz meine Platte als Grütze empfindet

Ich kann gut verstanden, dass ein Zombie-Metal-Heinz meine Platte als Grütze empfindet, aber warum zum Geier bekommen solche Leute dann genau diese CDs, mit denen sie nichts anfangen können, zum Besprechen?! Es hat alles seine Berechtigung, auch die Kelly Family. Aber über die könnte ich zum Beispiel auch nichts Positives schreiben.“ Und schon kommen wir im Verlaufe der Unterhaltung auch schon zu den Radio-Stationen… von Kommerz (Kelly Fam.) zu Kommerz sozusagen.

Brechreiz beim Radio-Hören

„Wenn ich den Radio einschalte, bekomme ich zu 99% Brechreiz. Eine oberflächliche Trend-Zombie-Nummer nach der anderen, bei der die Leute bunt rumzucken. Es ist so traurig, was die Musikszene teilweise zu bieten hat. Das lässt einem manchmal wirklich den Glauben verlieren. Was mir allerdings schon immer wieder ein Hochgefühl gibt, ist die Reaktion der Leute auf unsere Website (www.lenny-wolf.com). Wobei diese Internet-Geschichte auch eine sehr traurige Entwicklung mit sich bringt. Die Kids kennen die älteren Sachen nicht, die Leute gehe auch nicht mehr so viel weg…

Wobei diese Internet-Geschichte auch eine sehr traurige Entwicklung mit sich bringt

Manche wissen doch nicht einmal mehr, wie man flirtet. Es ist eine unkommunikative Entwicklung im Gange. Unpersönliche Kommunikation, die sich auch im Musikbereich zeigt. Techno ist absolut destruktive Mucke. Geh` mal in `nen Laden, wo derartiger Sound läuft: Die Menschen reden dort nicht einmal miteinander. In einer Kneipe, in der lauschige Musik läuft, herrscht eine ganz andere Atmosphäre.“ Auch wenn Lenny einigen Entwicklungen, die in den letzten Jahren ihren Lauf genommen haben, sehr skeptisch gegenüber steht, verschließt er sich neuen Dingen aber auch nicht komplett.

Mehr Rock in den Staaten

„Sicher lasse ich mich auch von neuen Sachen beeinflussen. Wenn sie eben eine gewisse Qualität mit sich bringen und gut sind. Würde im Radio mehr Kingdom Come-Mucke laufen, würde ich genauso happy zur Band springen wie Bon Jovi.“ Der KC-Klassiker „Twilight Cruiser“ war eine ganze Zeit Titelmusik der Fußball-Sendung „ran“. Allerdings ist Lenny nicht der Meinung, dass das viel gebracht hätte. „Das waren ganze zehn Sekunden, die man jeweils von dem Track zu hören bekam. In den Staaten lief der Songs damals bei den Radio rauf und runter. Dort wird überhaupt mehr Rock gespielt, wenn auch eher die modernere Schiene.

Ich habe festgestellt, dass Leute, die unsere Musik zum ersten Mal hören, davon sehr schnell begeistert bzw. angetan sind. Nur reicht es eben nicht, wenn Freunde und Bekannte andere Leute zufällig auf unser Material aufmerksam machen. Airplay wäre verdammt wichtig.“ Dass man hier auch nicht mehr unbedingt mit einer finanzkräftigen Plattenfirma auf den Äther kommt, lässt Lenny auch durchblicken: „Airplay kann man sich heutzutage auch nicht mehr kaufen.“ Wenn alles klappt, soll es im Februar auf Tour gehen. „Im Vorprogramm einer großen wie Deep Purple zu spielen, wie wir es ja letztes Jahr getan haben, hat natürlich immense Vorteile. Man erreicht wesentlich mehr Leute. Aber mir wäre eine lauschige Club-Tour als Headliner lieber. Da kann ich mehr mein eigenes Ding durchziehen, und die Atmosphäre ist gemütlicher.“


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